Was das EU-Abkommen für Naturstein aus Espírito Santo ändert
Das Mercosur–EU-Abkommen gilt seit dem 1. Mai. Für die Natursteinindustrie in Espírito Santo ist der unmittelbare Zollvorteil gering — und genau deshalb gibt es dieses Dossier: Was das Abkommen wirklich bewegt, liegt an drei anderen Stellen, und zwei davon haben eine Frist.
Herculano Pelição Batista · Beratung für internationale Beziehungen
Öffentliche Quellen, Stand August 2026 · 14 Belege am Ende
Musterdokument: Branchenanalyse, keine Empfehlung für ein bestimmtes Unternehmen
Bearbeiteter Naturstein kam bereits zu niedrigem Zoll in die EU — rund 1,7% bei bearbeitetem Granit. Diesen Satz auf null zu setzen ist gut, aber nicht umwälzend.
Investitionsgüter aus Europa werden in 4 bis 10 Jahren zollfrei. Die Verarbeitungstechnik des Clusters in Espírito Santo stammt größtenteils aus Italien.
Die EU hat ihre Bauproduktenverordnung zum 8. Januar 2026 ausgetauscht. Die eigentliche Hürde war nie der Zoll — es ist die CE-Kennzeichnung.
01Wo die Branche steht
2025 endete trotz des US-Zollschocks mit einem Rekord — und diese Kombination ist die wichtigste Zahl dieses Dossiers. Die Vereinigten Staaten sind der wichtigste Abnehmer: 44,2% der brasilianischen Branchenausfuhren im September 2025 und historisch rund 60% dessen, was Espírito Santo verlässt. China und Mexiko folgen.
Am 6. August 2025 trat der US-Zoll von 50% auf brasilianische Waren in Kraft. Die Branche kam teilweise davon: bearbeiteter Werkstein für das Bauwesen — darunter Quarzit, 55% der brasilianischen Ausfuhren — stand auf der Ausnahmeliste, während Marmor und Granit weiter belastet blieben. 2026 konkurriert Naturstein nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA zu einem einheitlichen Satz von 10%, möglicherweise 15%.
Die Branche hat zwölf Monate lang bewiesen, dass die Konzentration auf einen einzigen Absatzmarkt ein eingegangenes Risiko ist und keine Hypothese. Der einheitliche Satz von 2026 hat den Schrecken beendet — nicht die Abhängigkeit. Genau an dieser Stelle hört Europa auf, ein Markt zu sein, den man gern hätte, und wird zu Risikosteuerung.
02Was das Abkommen bewirkt — und was nicht
Beginnen wir mit dem, was sich nicht stark ändert. Der europäische Zoll auf bearbeiteten Naturstein war bereits niedrig: die Position für bearbeiteten Granit liegt bei etwa 1,7%. Wer allein aus dem Zollabbau einen Wettbewerbssprung erwartet, wird enttäuscht — und es ist redlich, das zu sagen, bevor ein Unternehmen darauf einen Plan aufbaut.
Drei Dinge ändern sich tatsächlich, und sie wiegen schwerer als der Zoll:
- Investitionsgüter. Der Abbauplan setzt die Zölle auf europäische Industriemaschinen in 4 bis 10 Jahren auf null. Gattersägen, Poliermaschinen, Harzanlagen, CNC: die Modernisierung des Maschinenparks vor Ort ist stark europäisch geprägt, und die Investitionsrechnung sinkt nach einem veröffentlichten Kalender. Das ist der große Gewinn — und er gehört dem Importeur, nicht dem Exporteur.
- Planbarer Marktzugang. Die EU baut Zölle auf rund 95% der Waren ab, in Körben von 4 bis 16 Jahren. Wichtiger als der Sofortvorteil ist der Kalender selbst: Mehrjahresverträge mit europäischen Käufern lassen sich rechnen, weil deren Kostenentwicklung bekannt ist.
- Relative Position. Wettbewerber ohne EU-Abkommen — Indien, Türkei, China — treffen nun auf einen Brasilianer, der eines hat. Bei einem Produkt mit knapper Marge entscheiden 1,7% über den Auftrag.
03Was bereits gilt und was noch nicht
Hier liegt der häufigste Fehler im Markt: „Abkommen unterzeichnet“ mit „Abkommen vollständig in Kraft“ gleichzusetzen. Das ist nicht der Fall.
| Instrument | Stand | Was das praktisch bedeutet |
|---|---|---|
| ITA — Vorläufiges Handelsabkommen | In Kraft seit 1.5.2026 | Der Handelsteil in ausschließlicher EU-Zuständigkeit. In Brasilien umgesetzt durch Dekret 12.953 vom 28.4.2026. Darauf beruht die heutige Zollpräferenz. |
| EMPA — vollständiges Partnerschaftsabkommen | Ausstehend | Erfordert die Ratifizierung durch alle 27 nationalen Parlamente. Fünf Mitgliedstaaten stimmten bei der Billigung im Januar 2026 dagegen, und das Europäische Parlament hat eine Prüfung durch den Gerichtshof der EU beantragt — geschätzt 18 bis 24 Monate. |
| Zollabbau je Produkt | Schrittweise | Die Senkungen laufen in Körben von 4 bis 16 Jahren. Es gibt keinen pauschalen Nullzoll, sondern einen Zeitplan je Zolltarifnummer. |
| Schutzklauseln | Aktiv | Das Abkommen erlaubt es, Senkungen bei einem Einfuhrschub auszusetzen oder aufzuschieben. Präferenz ist kein erworbenes Recht. |
Operative Folge: Jede Preisprojektion für 2027 oder 2028 muss Zolltarifnummer für Zolltarifnummer mit dem Zeitplan erstellt werden. Das brasilianische Portal Siscomex veröffentlicht das Handbuch zum Zollabbau, das Handbuch zu den Ursprungsregeln sowie die Präferenztabellen nach NCM und KN; die EU stellt im Portal Access2Markets das Werkzeug ROSA zur Selbsteinschätzung bereit. Beide sind kostenlos und sind Primärquellen — anders als ein Zeitungsartikel.
04Die neue Pflicht, die kaum jemand aufgebaut hat
Das ITA sieht die Ursprungserklärung durch den Exporteur selbst vor, mit fünfjähriger Übergangszeit. Das klingt einfacher, als es ist: Statt ein Zeugnis zu beantragen, erklärt das Unternehmen den Ursprung — und trägt die Beweislast.
- Prüffähiger Ursprungsnachweis, drei Jahre aufzubewahren.
- Lieferantenrückverfolgbarkeit: Herkunft des Rohblocks, verarbeitender Betrieb, Eintritt eingeführter Vormaterialien.
- Berechnung und Dokumentation des regionalen Wertanteils nach den produktspezifischen Ursprungsregeln je HS-Code.
- Folge bei Verstoß: rückwirkende Aberkennung der Präferenz und zollrechtliche Sanktionen in der EU.
Für Stein, der im selben Bundesstaat gebrochen und bearbeitet wird, ist der Ursprungsnachweis fachlich trivial — das Produkt ist per Definition brasilianisch. Das Risiko ist nicht materiell, sondern dokumentarisch. Es ist die Art Anforderung, die bei der ersten Sendung niemanden aufhält und zwei Jahre später bei einer Prüfung teuer wird. Die Akte jetzt anzulegen kostet wenig; sie unter Prüfungsdruck zu rekonstruieren kostet den gesamten Vorteil.
05Die eigentliche Hürde: die CE-Kennzeichnung hat eine neue Verordnung
Eine in Europa verkaufte Natursteinplatte ist ein Bauprodukt, und ein Bauprodukt verlangt CE-Kennzeichnung und Leistungserklärung — nach harmonisierten Normen wie EN 1469 (Wandbekleidungen) und EN 12058 (Boden- und Treppenbeläge), deren Anhang ZA festlegt, welche wesentlichen Merkmale der Hersteller erklären muss.
Was sich geändert hat: Die neue Verordnung (EU) 2024/3110 ist seit dem 8. Januar 2026 anwendbar und ersetzt schrittweise die Verordnung 305/2011, mit einer Koexistenzphase beider Regime bis zum 31. Dezember 2030. Sie bringt neue Pflichten zur leistungsbezogenen Kennzeichnung, zu Anwendungs- und Sicherheitsinformationen und führt den digitalen Produktpass ein.
Ein Unternehmen, das Rohblöcke ausführt, spürt wenig. Ein Unternehmen, das in der Wertschöpfung aufsteigen und fertige Platten und zugeschnittene Formate verkaufen will — genau die Stärke von Espírito Santo, mit über 90% des bearbeiteten Natursteins Brasiliens —, fällt voll in den Anwendungsbereich. Das Abkommen senkt den Zoll auf das höherwertige Produkt; die Verordnung erhöht die Nachweispflicht für dasselbe Produkt. Wer nur auf den Zoll schaut, plant die falsche Hälfte.
06Was in den nächsten 90 Tagen zu tun ist
Eine Abfolge für ein mittelständisches Unternehmen des Clusters, nach steigendem Aufwand:
| # | Maßnahme | Zuständig | Frist |
|---|---|---|---|
| 1 | Die tatsächlich versandten Zolltarifnummern erfassen und einzeln Präferenz und Abbaukorb in Siscomex und ROSA prüfen. | Vertrieb + Zollagent | 2 Wochen |
| 2 | Die Ursprungsakte anlegen: Mustererklärung, dreijährige Aufbewahrung, Rückverfolgbarkeit nach Charge und Lieferant. | Verwaltung | 30 Tage |
| 3 | CE-Konformitätsprüfung der Fertigprodukte gegen Verordnung 2024/3110 und die einschlägigen EN-Normen. | Technik + Labor | 45 Tage |
| 4 | Investitionsplan neu rechnen im Licht des Zollabbaus auf europäische Maschinen über 4 bis 10 Jahre: Vorziehen oder Verschieben verändert die Kosten. | Finanzen | 45 Tage |
| 5 | 15 bis 20 Abnehmer kartieren in zwei oder drei europäischen Ländern, Ansprache in der Landessprache. | Vertrieb | 60 Tage |
| 6 | Prüfauslöser festlegen: Schutzklauseln, EMPA-Ratifizierung und Entwicklung des US-Zolls quartalsweise nachhalten. | Geschäftsführung | Laufend |
07Grenzen dieser Analyse
Dies ist ein Muster-Branchendossier auf Basis öffentlicher Quellen, Stand August 2026. Drei Vorbehalte, die ein Unternehmen vor jeder Entscheidung ernst nehmen sollte: (i) der genannte Satz von 1,7% bezieht sich auf die Position für bearbeiteten Granit und variiert je nach Unterposition, Oberfläche und Produktform — die Prüfung erfolgt je Zolltarifnummer in TARIC und ROSA, nie analog; (ii) die US-Zolllage 2026 beruht auf einer jüngeren Gerichtsentscheidung und kann sich ändern; (iii) keine Aussage hier ersetzt die Stellungnahme eines Zollagenten, eines Prüflabors oder eines Anwalts — dieses Dokument sagt, wo und in welcher Reihenfolge zu prüfen ist, es erbringt nicht den Fachakt.
Dieses Dossier ist ein Muster
Es wurde über die Branche geschrieben. Ein maßgeschneidertes Dossier wird über Ihr Unternehmen geschrieben: Ihre Zolltarifnummern, Ihre Zielmärkte, Ihre direkten Wettbewerber dort und die Abnehmer, die eine Ansprache lohnen — recherchiert in Primärquellen, in der Sprache des Landes, vorgelegt mit Empfehlung und Frist.
Belege
- Revista Minérios — Exportações brasileiras de rochas ornamentais ultrapassam US$ 1 bi
- ES Brasil — Balanço das exportações capixabas de rochas, 2025
- Governo do ES — Maior exportador de rochas ornamentais do Brasil
- Findes — ES líder nacional em exportação de rochas
- ANM — Brasil entre os líderes globais em rochas naturais
- O Tempo — Como o setor de rochas escapou do auge do tarifaço
- ES Brasil — Exportações sobem mesmo com tarifaço
- Siscomex — Acordo Mercosul–União Europeia: textos, manuais e preferências por NCM
- Grupo Serpa — O que está em vigor desde 1º de maio, e o que ainda não está
- Tax Group — Cronograma de desgravação e bens de capital
- Senado Notícias — Acordo Mercosul–UE entra em vigor
- EUR-Lex — Regulamento (UE) 2024/3110
- APCER — Novo Regulamento dos Produtos da Construção: o que muda
- Frontwave — Marcação CE para produtos de pedra natural (EN 1469, EN 12058)